Heidelberg (ddp-bwb). Die Fakten sind beunruhigend: Im vergangenen Jahr
mussten mehr als 23 000 Kinder und Jugendliche wegen Alkoholmissbrauchs in
deutsche Kliniken eingeliefert werden. Die Zahl stammt aus dem
Drogenbericht der Bundesregierung. Innerhalb von acht Jahren stieg sie um
143 Prozent. Welche Gründe es für Jugend-Rituale wie das «Komasaufen» gibt
und wie sich Jugendliche davon abbringen lassen, wird ab Mittwoch auf einem
Kongress in Heidelberg diskutiert. Bis 13. September treffen sich dort
Medizinstudenten aus ganz Europa.Bild vergrößernMaria Fiala gehört zu den
Organisatoren des Treffens. Nach Angaben der 21-jährigen Medizinstudentin
werden mehr als 100 angehende Ärzte aus 14 Ländern zu dem Kongress
erwartet. «Wir sehen es als unsere Aufgabe an, den steigenden
Alkoholmissbrauch, vor allem unter Jugendlichen, zu thematisieren und an
einer Lösung des Problems mitzuarbeiten», sagt die aus Österreich stammende
Fiala. Dabei gehe es mitnichten darum, Verbote zu fordern oder den Alkohol
zu verdammen. «Bier und Wein sind eben gesellschaftlich anerkannt, daran
lässt sich nichts ändern», fügt die junge Frau hinzu, die im fünften
Semester studiert. Gemeinsam mit den Kommilitonen aus dem europäischen
Ausland wolle man viel mehr darüber diskutieren, wie sich die Bevölkerung
besser für Risiken des Alkoholmissbrauchs sensibilisieren lasse.«Im
Mittelpunkt des Treffens steht daher die Frage, wie eine sinnvolle
Präventionsarbeit aussieht», sagt Christoph Philipsenburg. Wie Fiala ist
auch er angehender Mediziner und Mitglied der Heidelberger Lokalgruppe der
«European Medical Student Association» (Emsa), die den Kongress
veranstaltet. Dass ein Thema wie Alkoholmissbrauch länderübergreifend
angegangen werden muss, liegt für ihn auf der Hand. «Nicht nur in der
Bundesrepublik hat der Alkoholmissbrauch zugenommen, eine ähnliche Tendenz
ist in sämtlichen europäischen Staaten zu beobachten», erklärt der
23-Jährige. Insofern sei die europäische Studentenorganisation die richtige
Institution für solche Probleme. Gegründet 1991 in Brüssel, verfolgt die
Emsa das Ziel, innerhalb Europas den kulturellen und fachlichen Austausch
zu fördern.Als europaweite, unabhängige und politisch neutrale Vereinigung
von Medizinstudenten will Emsa die Studenten auf ihrem mittlerweile
zwölften Kongress in Vorträgen und Workshops auf eine erfolgreiche
Präventionsarbeit einstimmen. Die neu erworbenen Informationen sollen den
Akademikernachwuchs im Idealfall dazu veranlassen, Präventionsprojekte an
Schulen und Jugendzentren in ihren Ländern auf die Beine zu stellen. «Wir
Studenten haben den Vorteil, dass wir schon aufgrund unseres Alters
leichter mit Jugendlichen in Kontakt treten können als etablierte Ärzte»,
begründet Philipsenburg das Engagement der Studentenorganisation.Was die
Präventionsarbeit angehe, sieht er noch Steigerungsmöglichkeiten. Gerade
der Alkoholmissbrauch - oder auch das Thema Aids, das ebenfalls auf dem
Kongress behandelt wird - seien klassische Felder, in denen Aufklärung
helfen könne, das Schlimmste zu verhindern. Doch die Frage, wie man die
Bürger davor bewahren kann, ihre Gesundheit aufs Spiel zu setzen, spielt
nach Ansicht der organisierten Studentenschaft noch immer eine zu geringe
Rolle. «Aber auch die Verhinderung von Krankheiten gehört zu den Aufgaben
des Mediziners», betont Philipsenburg.Im Studium und später auch im
Berufsalltag werde dem Thema Vorbeugung aber oft nicht genügend Zeit
eingeräumt: «Fairerweise muss man auch sagen, dass Präventionsgespräche mit
Patienten sehr zeitaufwendig und die Abrechnungsmodalitäten schwierig
sind», sagt Philipsenburg. Um ein Umdenken anzustoßen, wollen die Studenten
auf dem Kongress ein gemeinsames Positionspapier zum Thema «Die Bedeutung
der Prävention im Medizinstudium» anstoßen. Die Erklärung soll dann dem
ständigen Ausschuss der Europäischen Ärzte in Brüssel übergeben
werden.(ddp)
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